Kun. die Bedrängnis

Sogar der Asphalt ist warm, fast freundlich. Seltsam, dass es nicht mehr schmerzt. Wie gnädig das Gehirn eliminiert, was keinen Sinn macht. Es begann mit einem Sprung in der Windschutzscheibe, der schwere Stein war heruntergerollt und auf der Kühlerhaube liegengeblieben. Er war mit Bedacht gewählt worden, grade klein genug um ihn mit Leichtigkeit zu heben, mit Wucht zu schleudern. Erfolg sprengt die aneinander geketteten Verbindungen, dachte ich und startete den Wagen. Der Brief kam schon am folgenden Tag, schwarze und rote Buchstaben aus der Zeitung geschnitten, Klebespuren an den schief aneinandergereihten Lettern. Der Inhalt ergab wenig Sinn. Ich war mir nicht sicher, ob die Verfasser dieses Kunstwerkes des Schreibens mächtig waren, vermutlich hatten sie keine Lust, lange nach den korrekten Buchstaben zu suchen. Aber ihre Absicht war einfach zu verstehen: Ich war nicht erwünscht. Das wusste ich seit meiner frühesten Kindheit, ich hatte gelernt, nicht erwünscht zu sein. Die Tatsache, dass schon die eigene Geburt ein Gewaltakt ist, dass man also infolge eines körperlichen Übergriffs ins Leben gepresst wird, war mir früh bewusst. Denn genauso verlief der Rest der Tage, Jahre. Übergriffe und Gewalt, verbale und körperliche, fremdbestimmt von der ersten Zellteilung an. Die Zellen teilen sich zum Glück weiter, was diverse Nasenbrüche und andere Verletzungen wieder unsichtbar werden lassen – nicht dass sie nicht mehr da wären, sie sind alle zutiefst eingraviert im Körper, die Zellen sind ein präzises Geschichten-Archiv. Ein Arzt erklärte mir einmal, dass er in vielen Jahren Arbeit mit sterbenden Krebspatienten eine ganz und gar unwissenschaftliche Beobachtung gemacht habe: Im späteren Stadium treten Metastasen zum Teil an den ungewöhnlichsten Körperstellen auf, und häufig dort, wo der Sterbende als Kind geschlagen wurde. Das Erinnerungsvermögen des Gehirns wird dadurch wieder aktiviert, dass die Zellen an der Stelle wuchern und längst vergessenen Schmerz neu beleben. Die Gnade der lückenhaften Erinnerung ermöglicht trotz allem ein normales Leben. Der verletzte, gedemütigte Mensch stellt sich seinen Fragen später, wenn er nicht mehr ausweichen kann, weil er im Sterben liegt. Plötzlich wünschte ich mir einen schnellen Tod durch den versprochenen Stein, der das nächste Mal meinen Kopf treffen sollte. So stand es in schiefen Lettern auf dem Blatt in meinen Händen. Damit ließe sich vieles abkürzen, eine verlockende Vorstellung. Immerhin – ein Mord war in meinem Fall nicht unrealistisch, das musste ich jetzt einsehen. Spätestens jetzt sollte ich meine ablehnende Haltung dazu überdenken. Er ist doch eine weitere Lücke, durch die es mir gelingen könnte, alten Wunden zu entkommen.
Ich war auf der Suche nach Lücken gewesen, mein Leben lang, und immer wieder fand ich sie und durfte sie betreten. So kam es, dass ich als einer der ersten Männer mit schwarzer Hautfarbe ein Stipendium erhielt. Meine Antwort auf die Umstände meiner unerwünschten Anwesenheit war die Perfektion gewesen – ich lege, seit ich denken kann, großen Wert auf sorgfältige Arbeit, auf wohl überlegte Schritte. Sie bewahrten mich nicht nur vor der üblichen Spirale der Gewalt, in der meine Nachbarschaft trudelte, sie machte auch hin und wieder freundliche Erwachsene auf mich aufmerksam. Das Stipendium erhielt ich einzig wegen meiner sportlichen Leistungen, das war unter den hellhäutigen Studenten üblich. Die Männer in den Führungsetagen dieses Landes waren zumeist in ihrer Jugend gute Sportler gewesen – mit wenig Interesse an den Fächern, die sie inskribiert hatten. Das billige graue Papier verriet das Gratis-Blatt, aus dem die Buchstaben stammten. Nach der kreativen Arbeit der Absender waren die Seiten voller Lücken. Es fehlten einzelne Buchstaben und ganze Wörter. Ich würde die Ausgaben durchforsten müssen, um die passenden Stücke zu entdecken, es würde etwas Zeit in Anspruch nehmen, aber ich war plötzlich, angesichts der Lücken, die mich sofort aufs Neue faszinierten, von der Aufgabe erfüllt.
Es dauerte eine Weile, bis ich sie gefunden hatte, aber es gelang mir. Die Verfasser des Briefes hatten sich nicht viel Mühe gemacht, der Brief war am Vortag gebastelt worden und alle Buchstaben und Wörter stammten aus einer einzigen Zeitung. Zunächst schnitt ich die erforderlichen Teile zu genau aus und musste noch einmal von vorne beginnen. Dazu musste ich dieselbe Zeitung ein zweites Mal besorgen. Aber bald lag das Blatt vor mir, schlampig entfernte Wörter, Lücken. Die Seiten lagen auf dem schwarzen Holz meines Schreibtisches. Da wusste ich es. Die beiden Idioten (ich nahm zwei von ihnen an, denn alleine fällt einem schneller die Blödheit solcher Aktionen auf und man überlässt sich wieder der Trägheit – immerhin macht so ein anonymer Drohbrief einiges an Arbeit) waren das Werkzeug eines raffinierteren Geistes, von dessen Existenz sie keinerlei Ahnung hatten. Die schwarzen Balken stachen in mein Auge und ordneten sie mühelos zu einem Hexagramm. Die Lücken lagen perfekt auf den drei Seiten verteilt, ich konnte die Reihenfolge deutlich sehen. Ich griff nach meiner alten Ausgabe des I Ging. Das Orakel, das mich seit vielen Jahren begleitet. Ich musste wissen, was für eine Botschaft in dem Brief enthalten war.

Hexagram 46 — Schong, Das Empordringen
Das Empordringen hat erhabenes Gelingen. Man muß den großen Mann sehen. Fürchte dich nicht! Aufbruch nach Süden bringt Heil. Inmitten der Erde wächst das Holz: das Bild des Empordringens. So häuft der Edle hingebenden Wesens Kleines, um es zu Hohem und Großem zu bringen.

Kommende Woche würde die Mannschaft nach Süden fahren, für ein Viertelfinale. Die eigentliche Botschaft des Briefes, überbracht von zwei Kleingeistern, entsprach dem genauen Gegenteil ihrer stupiden Drohung. Ich musste tun, was ich tat, befand mich am richtigen Platz und stand deshalb unter dem Schutz der großen altchinesischen Geister. Genau davon war ich überzeugt gewesen, aber jetzt hatte ich die schriftliche Bestätigung aus dem über 5.000 Jahre alten Buch erhalten. Ich erwartete schon ungeduldig den nächsten Brief, und hoffte jetzt, der Stein würde mich erst am Ende eines langen Lebens treffen. Ich fuhr zum Spiel und löste wie jedes Mal beim Einlauf ins Stadium ein Rumoren auf den Zuschauertribünen aus. Diesmal lächelte ich unbeteiligt, als gälte der Aufruhr nicht mir. Ich fühlte mich beschützt.
Der zweite Brief wartete auf dem Parkplatz des Stadions auf mich, in den rechten Scheibenwischer geklemmt. Sie waren also auf der Zuschauertribüne gewesen – oder sogar auf dem Spielfeld? Auch das wäre möglich. Die Sportreporter überschlugen sich in Lobeshymnen auf meine Leistungen, sie waren sich einig, sie wollten die Öffnung der Mannschaften für schwarze Spieler. Ich machte es ihnen leicht, denn ich war der beste auf dem Spielfeld, und für sie zählte nur der Sieg. Ich nahm den Brief von der Windschutzscheibe und öffnete ihn. Die Botschaft war nicht sehr originell, aber sie nahm deutlich an Schärfe zu. Auf dem Heimweg besorgte ich mir das Gratis-Blatt vom Vortag, zu Hause setzte ich mich an die Arbeit. Ich war begierig auf den eigentlichen Hinweis, den der Brief für mich enthielt. Zum Glück waren meine Verfolger zuverlässig in ihrer Faulheit – sie hatten sich nicht die Mühe gemacht eine andere Zeitung zu besorgen. Nach etwa zwei Stunden waren die passenden Lücken aus den Seiten entfernt und lagen vor mir auf dem schwarzen Untergrund der Tischplatte. Es ergaben sich aus den Lücken im Text zwei Möglichkeiten ein Hexagramm zu legen. Ich probierte lange, um eine zwingende Ordnung zu erkennen, aber es gelang mir nicht. Ich schlug das I Ging auf und suchte beide Hexagramme heraus.

Hexagramm 47 KUN, Die Bedrängnis
Die Bedrängnis. Gelingen. Beharrlichkeit. Der große Mann wirkt Heil. Kein Makel. Wenn man etwas zu sagen hat, wird es nicht geglaubt.
Im See ist kein Wasser: das Bild der Erschöpfung. So setzt der Edle sein Leben daran, um seinem Willen zu folgen.

oder

Hexagram 36 — Ming, Die Verfinsterung Des Lichts
Die Verfinsterung des Lichts. Fördernd ist es, in der Not beharrlich zu sein.
Das Licht ist in die Erde hineingesunken: das Bild der Verfinsterung des Lichts. So lebt der Edle mit der großen Menge: er verhüllt seinen Schein und bleibt doch hell.


Das erste Hexagramm beschrieb meine Situation sehr genau, war mir aber nicht neu – deshalb ging ich nicht weiter in die Tiefe. Das zweite hingegen beunruhigte mich, und ich schlug in der Interpretation des Übersetzers nach. Die erste Zeile des zweiten Trigramms wurde übersetzt als: Er muss sein Licht noch heller leuchten lassen, sich entwickeln lassen. Diese Zeile enthielt eine deutliche Aufforderung. Das Licht in mir. Mir schien, mein Licht leuchte schon unangenehm hell, noch mehr davon würde zu meinem sicheren Tode führen. Das stand zumindest mit hässlichen Klebelettern auf dem Brief. Diesmal versprachen die Absender eine Kugel. Ich war bestrebt, mein Licht, meinen Erfolg, meinen Willen, die mich von meinen Nachbarn unterschieden, klein zu halten. Meine Familie, meine Verwandtschaft und das gesamte Viertel fürchteten sich vor dem Aufruhr, den ich verursachte. Ich brachte sie in Gefahr.
Ich musste nachdenken.
Am nächsten Morgen flog ein Stein durch mein Küchenfenster. Ich wusste, dass dem Stein sehr bald ein Schuss folgen würde und begann, meine Sachen zu packen. Ein Traum hatte mir den Weg gezeigt, den ich zu gehen hatte – die Hinweise des Orakels waren deutlich und hilfreich, eine Kugel wäre es zum jetzigen Zeitpunkt nicht, dachte ich. Im Traum war ich in einem Zimmer gestanden und hatte die Dämmerung betrachtet, der eine kleine Nachttischlampe entgegenleuchtete. Je dunkler es draußen wurde, desto heller leuchtete die kleine Lampe.
Mir war klar geworden, dass ich mich in einer dunklen Umgebung befand, voller Angst, Hass und Neid. Sie war meine Heimat, aus ihr war ich entstanden und ich war es, der sie jetzt mit meinem kleinen Lampenstrahl gefährdete. Für sie brannte ich hell und blendete meine Freunde und meine Familie. Sie wollten meinen Erfolg und doch auch wieder nicht, denn sie fürchteten sich vor den Folgen. Ich musste in die Sonne treten und dort mein inneres Licht zum Leuchten bringen. So lautete der Orakelspruch, und ich war entschlossen, ihn zu befolgen. Ich trug meine Taschen zum Wagen, als der zweite Stein geflogen kam. Er verfehlte mich. Ich drehte mich um. Der Werfer stand auf dem Gehsteig und sah mich an. Sein Kumpel stand daneben, eine Waffe im Anschlag. Dass mein Tod der Funke sein könnte, der das Feuer heller und heißer lodern lassen würde als je zuvor, auf die Idee war ich nicht gekommen. Erst als ein Schlag gegen meine Rippen prallte und meine Beine ohne Verzögerung zusammen sackten, da begriff ich, dass mein Licht ohne mich erst richtig zu leuchten begänne. Ich umklammerte den Griff meiner Tasche und war erstaunt, dass ich auf einmal den Himmel betrachtete – ich hatte nicht bemerkt, dass ich auf dem Boden lag. Ich erwartete Schmerz, aber er kam nicht. Eine schnelle Bilderfolge zeigte mir die nahe Zukunft in der kleinen Stadt: Schlagzeilen mit Bildern meiner Leiche auf der Straße, Polizeieinsätze, Menschen, die Krieg führen, Sportreporter, die ein auf dem Spielfeld ausgebreitetes Transparent kommentieren, das geschlossene Stadion, die Proteste der weißen Spieler, Tumulte, die in den Hauptnachrichten im ganzen Land gezeigt werden. Viele schwarze Menschen im ganzen Land wagen, was ihnen seit Generationen verboten war: Sie gehen auf die Straße, sie setzen sich in den Bus, der nur für Weiße ist, sie setzen sich auf Parkbänke, sie werfen Steine in die Fenster weißer Leute. Es ist eine Hölle, und alles, was geschieht, wird erhitzt von meinem Tod auf der Straße. Hier liege ich und betrachte den Himmel, warte auf den Schmerz. Alles, was ich mit Sicherheit sagen kann ist: In meinem Kopf beginnt es hell zu leuchten. Es ist ein gleißendes Licht, das mich von innen her blendet. Wehe, wenn dieses Licht nach Außen dringt. Es wird die alte Ordnung durcheinanderbringen. So steht es im Buch der Wandlungen.
Und jetzt, nach dem letzten Atemzug, während ich den Körper auf der Straße sehe und das Licht mich überwältigt, wird mir noch etwas klar: Dieses Licht, das bin nicht ich. Bin es nie gewesen.