Die Literaturzeitschrift miromente gründeten Kurt Bracharz, Daniela Egger, Ulrich Gabriel und Wolfgang Mörth im Jahr 2005. Sie erscheint 4 Mal im Jahr und veröffentlicht literarische Texte aus dem deutschsprachigen Raum. Die vier Herausgeber/in präsentieren regelmässig auch eigene Texte.
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Die Ernüchterung

Ich bekomme fast täglich ein Kind. Ich habe aufgehört, sie zu zählen, als meine Frau mich verlassen hat. Es ist wie eine La­wine, die irgendwann einmal losgetreten wurde, und seither rutscht sie sanft aber bestimmt in mein Haus. Es fing eigent­lich ganz normal an. Nachdem Gauri in Sicherheit war, brachte mir eine ihrer Nachbarinnen ihren Säugling und bat mich, die Vaterschaft anzuerkennen. Ich tat es. Ich kannte sie nicht, aber ich wusste bei ihrem Anblick, in welcher Lage sie war, und dachte mir nichts dabei. Der Papierkram war rasch erle­digt, wenn zwischen den Papieren ein paar Scheine stecken, geht hier alles ganz einfach. Auch beim zweiten Baby dachte sich noch niemand etwas. Mariana, meine Frau, war nicht glücklich darüber, aber sie half mir, die Babys mit ihren Müttern irgendwo in der Stadt unterzubringen. Das Kinder­geld aus Österreich reichte für eine bescheidene Wohnung und ordentliches Essen. Nicht dass ich etwas Derartiges vorgehabt hatte. Als meine Frau mich das fragte, war ich erstaunt. Wer könnte sich ein solches Unterfangen aus­den­ken? Es geschah, weil Gauris Geschichte eine eigene Logik besaß und weil ich mich nicht dagegen wehrte. Dabei wollte ich mit Bettlern und armen Kindern nichts zu tun haben, als ich zum erstem Mal indischen Boden betrat. Damals war ich selbst verwahrlost, äußerlich nicht sichtbar, aber wer mich kannte wusste, dass ich an einem Ende angekommen war. Ich hatte mich bewusst ferngehalten von den Slumsiedlungen und den Bretterbuden entlang der Bahnschienen. Ich war unendlich müde und wollte mindestens einen Ozean zwischen mich und mein mürbes Leben schieben. Ich hätte niemandem helfen können. Ich war überzeugt, dass selbst Münzen und Scheine, von meiner Hand gegeben, verderben würden, bevor sie irgendjemandem etwas nutzen konnten. Aber das ist lange her und jetzt lebe ich in diesem Land, das so aufstrebend und ehrgeizig und erfolgreich ist. Es war leicht, eine Firma zu finden, die mich in Indien brauchen konnte. Meine Augen sind wieder scharf, jetzt, und ich sehe was um mich herum vorgeht. Deshalb trinke ich. Vielleicht hat sie mich auch deswegen verlassen, es ist ein bisschen viel, das Trinken, die Hitze hier und der ständige Lärm, der Schmutz, die vielen Babys ... und der Papierkrieg. Ich hatte ein Büro in unserem Haus, und jetzt ist es ein Lager von Aktenordnern, die sich entlang der Wände türmen. Noch führt ein schmaler Weg durch die Papierwächten, aber es kann nicht mehr lange dauern und das Zimmer ist verloren. Einmal kam ein Finanz­beamter aus Wien nach Mumbai, um mich kennenzulernen und meine Lebensumstände zu begutachten. Ich glaube er hatte den Auftrag, mich zur Vernunft zu bringen. Immerhin hatte ich eine ganze Abteilung seiner Behörde lahm gelegt, ich beschäftigte ein Team von teuren Spezialisten, die die Gesetzeslage prüfen mussten, natürlich auf Staatskosten. Ich hätte mir das nie leisten können, aber ich hatte die Prozesse ja auch nicht angestrengt. Das Finanzamt reagierte erst beim sechsundzwanzigsten Kind, für das ich die Vaterschaft übernommen hatte. Inzwischen sind es weit über zwei­hun­dert, ich habe ehrlich keine Ahnung, wie viele es genau sind. Ich weiß, dass die Botschaftsangehörigen mich beobachten lassen müssen. Ein Auftrag der österreichischen Regierung, das hat mir der Kulturattaché eines Abends bei einem Drink erzählt. Sie nehmen diese Aufgabe nicht besonders ernst, denn nach all dem Ärger haben sie mich und meine vielen Babys schon ebenso hingenommen wie den Verkehr oder die Hitze. Ich gehöre zu ihrem Indien, ich bin der, der die Papier­flut wegen der vielen Vaterschaftsbestätigungen von ihren Tischen umleitete in mein eigenes Büro. Das hätte ich nicht tun müssen. Sie mögen mich.
         Es wäre mir auch egal, wenn sie mich nicht mögen wür­den – ich meine, wenn sie vielleicht sogar zu drastischeren Mitteln greifen würden. Eines Tages werde ich an der Malaria sterben, oder am Alkohol. Die Malaria ist schon recht tief in mich eingedrungen, ich kann spüren wie sie mich aushöhlt, und dieses Gefühl bleibt inzwischen auch da, wenn das Fieber weg ist. Der Alkohol höhlt auch aus, aber anders. Vielleicht kann das Fieber den Alkohol wieder in die Schranken weisen, oder umgekehrt... es ist egal. Wenn ich jetzt sterbe, hinter­lasse ich eine Generation von Kindern, die mit fließendem Wasser in sauberen Wohnungen aufwachsen und gut genährt eine Schule besuchen. Die Mütter bekommnen die Familien­beihilfe, bis die Kinder 18 Jahre alt sind, lange genug jeden­falls. Ob ich lebe oder sterbe macht keinen Unterschied für sie.

Taddäus starb zweimal in seinem Leben. Einmal, als er mit dem Trinken begann. Das war vor neun Jahren, kurz vor seiner ersten Reise nach Indien, und es geschah unbemerkt. Am zweiten Tag nach seiner Ankunft saß er auf der Terrasse seines Hotels, blickte über das kleine Gärtchen, das den Hotelgästen eine Ruheinsel im lauten und stinkenden Mum­bai bieten sollte und versuchte, die Bilder der Bretter­ver­schläge, in die er am Nachmittag geraten war, zu vertrei­ben. Dabei hatte er sich geschworen, sich von Slums und Bettlern möglichst fern zu halten, als er in Indien ankam. Der Fahrer des Tuk-Tuk hatte angesichts eines endlos scheinenden Staus die Nerven verloren, war seitlich abgebogen und hatte sich mit seinem schmalen Gefährt an den verwahrlosten Holz­hütten vorbei geschlängelt. Sie waren nicht viel weiter gekom­men, als sie sich etwa 400 Meter später hinter einem lkw wieder einreihten. Aber Taddäus wurde schlecht, weil der lkw sie für jeden gewonnen Meter in eine schwarze Ruß­wolke hüllte.
         Er verließ das Gefährt und machte sich zu Fuß auf den Weg zurück in die Siedlung. Dort stand er und betrachtete erstaunt das Mädchen, das ihm, als er an ihr vorbeigefahren war, ein strahlendes Lächeln geschenkt hatte. Sie war dabei gewesen, mit einem Bündel Reisig den Fußboden des Bretter­verschlags zu wischen. Die Hütte sah von außen auffallend sauber aus, und ein Blick auf die anderen Behausungen ver­stärkte diesen Eindruck. Das Mädchen kam mit einem Plastik­eimer heraus und balancierte geschickt über die Pfütze vor dem Eingang. Seitlich befand sich eine säuberlich gespannte Leine, die sie jetzt mit frisch gewaschenen Tüchern behängte. Taddäus fragte sich, wie sie es geschafft hatte, ihre desolate Behausung so rein zu halten, während direkt vor dem Eingang der Hütte ein Schlammloch glänzte, und trat näher. Er wollte nicht neugierig sein, aber ein Blick ins Innere der Hütte schien ihm verlockend. Ihm war, als hörte er das Glucksen eines Babys. Sein Zögern hatte einen Grund – immer wenn er sich ohne Kamera bewegte, fühlte er sich seltsam nackt. Da bemer­kte er, dass auch er betrachtet wurde. Ein Kleinkind hatte sich unweit von seinem Platz hingekauert, mit nichts als einem schmutzigen T-Shirt bekleidet. Tiefschwarze Augen betrach­teten ihn. Dieser Blick brachte Taddäus dazu, seinen Ent­schluss zu ändern, und er verschwand so leise wie möglich hinter einem der schmutzigen Bretterverschläge.

Nach einem langen Fußmarsch in der staubigen Hitze kam er in sein Hotel zurück und ließ sich erschöpft auf der Terrasse nieder. Er hatte schon in Österreich angefangen, allabendlich einen Gin, oder auch zwei, zu trinken, als Malaria-Prophylaxe. Malaria bekam er dann trotzdem, aber erst viel später. Am zweiten Abend in Mumbai ging er zu Whiskey über und er trank, bis sich die Sonne in dem gelblichen Dunst aufgelöst hatte. Danach wurde es nicht mehr viel dunkler, eine ganze Weile lang blieb die Dämmerung diffus gelblich, und die Farbe des Getränks in seinem Glas war immer um eine Nuance dunkler und wärmer. Er schwitzte, während er bewegungslos saß und dem dumpfen Geräusch des Großstadtlärms zuhörte. Auf dem Tischchen vor ihm lagen ein Stift und das unbe­schriebene Hotelbriefpapier. Seine Gedanken wanderten immer wieder zurück zu der sauberen Hütte im Slum. Er fluchte leise. Er war um die halbe Welt gereist, um eben nicht an Kameraeinstellungen zu denken, an Geschichten und Schicksale, die für ein übersättigtes Publikum noch von Interesse sein könnten. Das Wort »Einschalt-Quote« löste bei ihm Übelkeit aus. Dabei war er schon die längste Zeit dabei, Kamerapositionen und die unterschiedlichen Lichtverhältnisse rund um das Leben dieses Mädchens zu prüfen. Sie schien so jung. Und war es tatsächlich ein Baby, das er in der Hütte gehört hatte? Ihr Baby? Egal, morgen würde er abrei­sen, das Ticket war gebucht und er würde in den nächsten Wochen nichts anderes tun, als seinen Blick auf das Meer zu richten. Er sehnte sich nach Stille und er wollte sie erzwingen, indem er bewegungslos von einem Strand aus auf das blaue Nichts starrte. Solange, bis sich in seinem Geist wieder etwas regte. Was ging ihn eine fremde junge Frau an, die mitten im Slum von Mumbai gegen den Dreck aufbegehrte. Er würde sie doch eines Tages fressen, der Dreck würde in ihrer Hütte sein und an ihren Kleidern hängen, weil es für Leute wie sie nichts gab, was einen Unterschied machen könnte.
         Taddäus ging schlecht gelaunt zu Bett. Am nächsten Morgen reiste er ab.

Als er sich in einem der billigen Holz-Bungalows am Meer eingemietet hatte und sich der Ventilator über dem Moskito­netz schwerfällig zu drehen begann, kehrten seine Gedanken bereits zurück zu dem seltsamen Mädchen und er versprach sich, vor der Abreise nach Europa noch einmal dorthin zurück­zukehren. Er war sicher, dass seine Erinnerung die Bude sauberer und das Lächeln des Mädchens strahlender machte, und vermutlich war er überhaupt noch nicht nüchtern gewesen, als er in den Slum getaumelt war. Sicher war ihm deshalb übel geworden, weil er beim Mittagessen zu viel ge­trunken hatte, und anstatt sich auszuruhen hatte er sich in der Nachmittagshitze auf den Weg gemacht, aus dem naiven Drang, in wenigen Stunden etwas von einer Stadt zu sehen, die für ihn gar nicht sichtbar sein konnte. Er war das Sehen schon lange nicht mehr gewohnt. Seine Blindheit hatte nichts mit dem Augenlicht zu tun. Seine Augen hatten gelernt zu taxieren. Sie unterteilten, was sie zu sehen bekamen, in Licht und Schatten, in Einfallswinkel und Ausschnitte, fast als könnten sie schon ohne technisches Gerät die Objekte heran­zoomen, um das beste Bild wiederzugeben. Er war ein personifizierter Widergabemechanismus, der ihm so verin­ner­licht war, dass es ihm erst jetzt, mit dem Blick auf das ersehnte Meer, deutlich wurde. Denn auf der blauen Fläche, das Meer lag ruhig vor ihm, gab es nichts Reizvolles für eine Kameraeinstellung. Er blickte sich um. Der Strand war ver­lassen, bis auf drei Hunde, die nach einem Krebs jagten. Ein Motorrad hatte tiefe Spuren in den Sand gedrückt, sie verloren sich in der Weite. Taddäus wusste nicht, weshalb er hier war. Er dachte an Mariana, an ihren Blick, als sie auf ein Wort von ihm wartete.
         Er erinnerte sich, mit welchen Worten er seinem Vor­gesetzen von seinen Reiseplänen erzählt hatte – er hatte recht zusammenhanglos davon gesprochen, dass er seine Augen zur Ruhe kommen lassen müsste, seinen Geist sich selbst über­lassen, neue Ideen schöpfen, und so weiter. Sein Chef hatte müde genickt, Desinteresse stand deutlich in sein Gesicht geschrieben. Ein altes Desinteresse, nicht an Taddäus oder irgendeinem Anliegen, das dieser haben konnte, sondern an der Welt schlechthin. Taddäus war es egal, er wusste dass er fliegen würde, seine Reise hing keineswegs von der Zustim­mung eines anderen Menschen ab. Er spielte nur eine verein­barte Rolle, indem er sich in diesem Büro einfand und seine Sätze vortrug, und auch sein Chef spielte die vereinbarte Rolle und nickte und unterschrieb den Antrag auf unbe­zahlten Urlaub. Sie wussten beide, dass es bedeutungslos war, was einer dem anderen zu sagen hatte. Eigentlich wollte Taddäus nur verschwinden. Es war nicht so, dass er aus­gerechnet hier, an diesem Strand, in diesem Häuschen sein wollte. Die Stille, die Schönheit der Landschaft, oder auch neue Menschen, das alles bedeutete ihm nichts. Er wollte nicht einmal ankommen, er würde die Tasche nicht auspacken und er würde den Kühlschrank nicht füllen. Taddäus legte sich in den grob gezimmerten Liegestuhl, der ihn in eine unbe­queme Position zwang, und schloss die Augen.

Ich hatte Taddäus beobachtet und die anderen gefragt, was sie meinten. Alle dachten, es wäre besser, ihn in Ruhe zu lassen. Er gab keinerlei Zeichen, dass ihm Gesellschaft fehlte oder dass er an irgendetwas interessiert wäre. Er hing den ganzen Tag nur herum, las, schlief, und trank abwechselnd Gin mit Wasser oder Whiskey. Vielleicht war er die ganze Zeit betrun­ken, das weiß ich nicht genau. Ich war ja immer wieder auf der Suche nach Jobs und unterwegs zu Leuten, die irgendwas zu tun hatten. Westler meistens, die gerade angekommen waren. Die führte ich manchmal herum und zeigte ihnen, wo was zu bekommen war. Es gab ja dort alles, außer einem stabilen Internetzugang, aber das war den meisten egal. Irgendwann fiel mir ein, dass der Mann vielleicht auch Probleme haben könnte. Ich meine, ich wollte ihm natürlich seine Ruhe lassen, aber mir war auch wichtig, dass es in unserer kleinen Enklave friedlich blieb. Die anderen fanden, ich wäre paranoid und ich sollte mich beruhigen, aber der Gedanke hatte sich eben festgesetzt und ich wollte ihm nur mal ein bisschen auf den Zahn fühlen. Ich hätte ihn nicht gerade gefragt, ob er vorhabe sich ins Wasser zu werfen, aber trotzdem wollte ich heraus­finden, was er so vorhatte. Also sprach ich ihn an. Er lag auf einer Holzpritsche und hatte vielleicht gerade geschlafen, jedenfalls reagierte er ziemlich langsam. Aber ich war fest entschlossen, also kam er irgendwann doch mit und einige von uns gingen mit ihm essen. Später traf ich sie in unserer Strand-Bar. Ich war schon beruhigt, und ich fand es schade dass er so verschlossen war. Irgendwie gefiel er mir.

Die Tage und Nächte in dem kleinen Ort blieben für Taddäus so, wie sie begonnen hatten. Er verharrte in einer dumpfen Müdigkeit, die nicht von ihm wich. In den heißen Mittags­stunden zog er sich in den Schatten seiner Veranda zurück und manchmal, wenn die Hitze unerträglich wurde, legte er sich auf das Bett unter den Ventilator und döste. Hin und wieder schwamm er ein paar Runden im Meer, aber das Was­ser erfrischte ihn nur kurz. Es war, als würde eine seit Jahr­zehnten in seinen Knochen gelagerte Erschöpfung nach ihm greifen und ihn zum Stillstand zwingen. An eine Weiterreise dachte er nicht mehr, er würde, wenn nötig, solange hier an diesem Strand herumliegen, bis ein klarer Gedanken oder ein Impuls ihn störten. Die Trägheit hatte sich seiner vollkommen bemächtigt, er gab sich ihr hin wie einer großen Liebe. Er konnte sich keine Möglichkeit des Widerstands vorstellen, schon der Gedanke an eine Aktivität ließ ihn noch tiefer hinein sinken. Er genoss die Willenlosigkeit, alles war ihm einerlei. So lag er stundenlang in einer weichen Sandkuhle oder auf der unbequemen Liege und spazierte nur am Abend, wenn die Hitze ein wenig milder wurde, langsam ins Städt­chen. Den Bewohnern der anderen Bungalows ging er aus dem Weg, so gut es ging. Einmal ließ er sich von einer Frau überreden, einen Drink mit einer Gruppe junger Leute zu nehmen. Sie war keine Inderin, aber sie trug einen Sari, oder Teile davon, so genau konnte er es nicht sagen. Jedenfalls fiel irgendwo ein viel zu langes Tuch über ihre Schulter und bedeckte vorne ihren gebräunten Bauch. Sie reichte ihm ein Getränk und fragte in schlechtem Englisch, woher er käme. Jetzt geht das los, dachte er und zwang sich, freundlich zu nicken. Er setzte sich auf. Die Sonne war untergegangen, die Dämmerung warf ein letztes, warmes Licht auf das Wasser. Er folgte ihr, noch etwas benommen und mit schmerzender Schulter, und er konnte nur knapp verhindern, dass sie ihn an der Hand fasste und mit sich zog. Sie führte ihn zu einer Gruppe von Leuten mit heller Hautfarbe, die auf denselben unbequemen Holzliegen lagen oder saßen wie jene, von der er sich gerade erhoben hatte. Man begrüßte ihn und machte ihm Platz.

Sie trafen sich zum Sonnenuntergang, um gemeinsam mit einem Drink den Abend zu beginnen, erklärte ihm Franka und deutete auf den Bungalow hinter ihr. Hier wohne ich, sagte sie. Die Bungalows sahen alle zum Verwechseln ähnlich aus. Die Leute waren nett, entspannt und nicht besonders neu­gierig, was ihn nach und nach beruhigte. Das Getränk war scheußlich süß und er bat um Wasser, das ihm von einem jungen Mann mit Dreadlocks gereicht wurde. Zwei der jungen Leute wollten ihn in ein Restaurant begleiten, das ihm empfohlen wurde, weil es die sauberste Küche zu haben schien. Keiner von ihnen hatte nach dem Essen dort je Durch­fall bekommen, weshalb es den Neuankömmlingen immer zuerst gezeigt wurde, erfuhr er.
         Es kam ihm seltsam vor, dass er in dieser Gruppe schon einer Kategorie angehörte und eigentlich ärgerte er sich darüber. Sie schienen über ihn gesprochen zu haben. Er wollte nicht unhöflich sein. Es war zu spät, sich zu verabschieden, sein Abend war gänzlich ohne sein Zutun verplant, und er hätte nicht mehr mit Bestimmtheit sagen können, wie es dazu gekommen war. Außerdem beschäftigte ihn die Frage, ob er denn überhaupt schon angekommen war, und was Ankommen bedeute. Er hatte keinen Überblick mehr über die Anzahl der Tage, die er dösend am Strand verbracht hatte. Trotzdem dachte er noch, seinem alten Vorsatz treu, dass er nur kurz hier bleiben würde, er war auf dem Sprung, sagte er sich und es wurde ihm erst in diesem Moment bewusst, dass er ver­mutlich schon länger geblieben war als er vorgehabt hatte. War er also angekommen? Und wo war er angekommen? Die Strand-Bungalows schienen eine Art Kolonie an einem der vielen Weltränder zu sein, er sah sich um und war nicht ganz sicher, ob hinter den Bungalows wirklich eine Strasse und mehr existierten. Ob die Kolonie nun von Urlaubern bewohnt war, die sich als Aussteiger ausgaben, oder umgekehrt, darüber war er sich nicht im Klaren. Aber er wusste, dass er nicht dazu gehören wollte. Das war der erste Impuls nach Bewegung, den er verspürte. Weil er nicht dazugehören wollte, dachte er ans Abreisen.

 

 

 

Ich glaube mein Sterben begann schon vor langer Zeit und ich habe es damals nicht richtig bemerkt. Man sagt, es geht vielen so, denn niemand weiß genaueres über diesen Prozess, und daher könnte es doch auch ganz unbemerkt bleiben. Manch­mal soll es sogar sehr lange dauern, Jahre oder sogar Jahr­zehnte, bis der Betreffende sich eingestehen muss, was ihm widerfahren ist. Wenn ich versuche, mich daran zu erinnern, fällt mir ein Nachmittag in Wien ein. Es war schwül, ich lag auf dem Sofa und dachte darüber nach, woran es liegen könnte, dass ich keinerlei Gefühle hatte. Plötzlich lag sie offen vor mir, im fahlen Sonnenlicht meines Zimmers, eine Leer­stelle, die mir so vertraut geworden war, dass ich sie gänzlich übersehen hatte. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt ein wirkliches, echtes Gefühl empfunden hatte. Ist Müdigkeit ein Gefühl? Wahrscheinlich nicht. Ich war plötzlich sehr verunsichert, und ich schwitzte. Ich war nicht einmal mehr sicher, ob die Schwüle in meinem Zimmer tatsächlich in irgendeinem Zusammenhang mit meiner Kör­per­temperatur stand. Ich stand mit zitternden Knien auf und ging ziellos einmal um den Couchtisch herum. Ich hatte einen Fehler entdeckt, den ich nicht gelten lassen konnte: Wenn ich nichts fühlen soll, warum dann die aufsteigende Panik, die meine Hände zittern und meinen Mund so elend trocken werden lässt! Ich ging vorsichtig in die Küche, jeden Schritt genau abwägend, denn ich war jetzt auch nicht mehr sicher, ob der Boden mich tragen würde. Als ich eine Kopfschmerz­tablette mit dem kühlen Weißwein hinunter spülte, wurde mein trockener Mund nur noch heißer und durstiger. Ich hielt meinen schweißnassen Kopf in die offene Kühlschranktüre. Nicht nur, dass ich mich seit langem an keine Gefühle mehr erinnern konnte. Ich fragte mich, ob ich überhaupt einen Körper besaß. Ich meine, natürlich ging ich herum und so, ich bewegte mich irgendwie, und der Körper, der sich bewegte, sah immer gleich aus. Nicht über die Jahre gesehen natürlich, aber grundsätzlich. Deswegen fühlte er sich aber nicht ver­traut an. Er war mir ebenso fremd wie der Körper eines beliebigen anderen Menschen. Ich betrachtete meine Hände und erkannte sie nicht als etwas, das zu mir gehörte. Ich fürchtete mich davor, in den Spiegel zu sehen, und vor allem wäre ich mir dabei albern vorgekommen. Ich blieb lieber mit dem Kopf in der Kühlschranktüre am Boden kauern. Das elende Gefühl der Unwirklichkeit war so schon beängstigend genug.
         Dann fiel mir ein, dass ich einen Sohn gezeugt hatte. Das durfte wohl als Beweis gelten, dachte ich. Ich hatte einen Sohn gezeugt, ich hatte also auch mit einer Frau geschlafen, soviel ich weiß, waren es sogar mehrere, und wenn ich sie fragen würde, dürfte ich hoffen, dass sie sich daran erin­ner­ten. Dass ich Mariana damals nicht fragen konnte, lag an mir. Ich meine, sie war wirklich sehr geduldig gewesen, sie musste weiß Gott einiges aushalten mit mir, und sie beklagte sich selten. Aber als sie schwanger wurde veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, die Geduld war irgendwie überlagert von einer Art Zurückhaltung, irgendwas war plötzlich zwischen uns. Vermutlich war es nicht sehr klug, aber damals kam ich auf die Idee, ihr vorerst mal den Weg freizumachen. Sie sollte sich auf die Schwangerschaft konzentrieren können, ich wollte, dass sie entspannt war. Etwas Besseres fiel mir nicht ein. Es war mir egal wohin, obwohl ich dachte, das Meer könnte helfen. So kam ich nach Indien, auf diese erste Reise, die alles veränderte.

Es dauerte noch zwei weitere Wochen, bis seinem ersten Impuls nach Bewegung ein zweiter folgte. Seine Erschöpfung hatte eher noch zugenommen, die Tage an diesem Ort schienen ihm endlos und zäh. Taddäus hatte eine Hängematte auf der Veranda befestigt, aus der er sich nur erhob, um Nahrung oder Getränke aus dem inzwischen doch gefüllten Kühl­schrank zu holen oder auf die Toilette zu gehen. Der Kühlschrank machte in regelmäßigen Abständen einen sol­chen Lärm, dass Taddäus auch die Nächte in der Hänge­matte verbrachte. Er versuchte einen halben Nachmittag lang, das Moskitonetz so zu befestigen, dass er auch in der Hängematte geschützt wäre, aber es gelang ihm nicht. Also schmierte er sich vor dem Schlafen ein Gel auf die Haut, das zwar stank und auf kleinen Hautabschürfungen schmerzhaft brannte, aber die Mücken hielt der Geruch nicht ab.
         Die Menschen ließen ihn aber in Ruhe. Manchmal lief jemand auf dem Weg zum Wasser oder zurück zu einem der Bungalows an ihm vorbei. Taddäus las und schlief und hörte auf das Rauschen der Wellen. Nach vier Wochen war es so­weit, das monotone Geräusch der Wellen trieb ihn fast zum Wahnsinn. Mit leichter Panik sagte er sich, dass nach dem Sehen jetzt auch das Hören aus seiner Wahrnehmung ver­schwand. Die Geräusche versanken in einem Sumpf aus leisem und lauterem Rauschen, das Meer kam ihm gefräßig und bedrohlich vor. Es schien alles zu verschlingen. Er war den Brief noch immer schuldig geblieben. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, gleich nach seiner Ankunft ein paar Zeilen an Mariana zu schreiben. Er hatte gehofft, mit genügend Ab­stand etwas mehr erklären zu können. Aber das Meer hatte vom Tage seiner Ankunft an seine Gedanken und seine Worte verschlungen. Die lähmende Sprachlosigkeit und die Trägheit seines Körpers schienen ihm unerträglich. Plötzlich wusste er, dass er nicht mehr bleiben konnte. Er packte seine Tasche und stieg noch am selben Abend in einen Zug, der ins Landes­in­nere fuhr.

Liebe Mariana,
bitte verzeih mein langes Schweigen. Ich sitze in einem indi­schen Regionalzug und habe keine Ahnung, wohin er fährt. Auf dem Ticket steht der Name einer Stadt, den ich nicht entziffern kann. Meinen Sitzplatz musste ich um jeden Zentimeter ver­teidigen, und das Schreiben fällt mir schwer, weil mein Ellbogen bei jeder Bewegung in die Rippen meines Sitznachbarn stößt. Der hat übrigens seit einiger Zeit seinen Kopf auf meine Schul­ter gelegt und schläft. Ich weiß nicht was ich dir sagen soll, und das Briefschreiben ist unter diesen Umständen besonders schwer. Dies soll eigentlich nur ein Zeichen sein – ich lebe noch, ich bin unterwegs, ich weiß nicht, wohin ich fahre. Ich hätte dir gerne ein Reiseziel genannt, oder wenigstens das Datum meiner Rückkehr. Das einzige, was ich mit Bestimmtheit sagen kann ist: das Land in dem ich mich befinde heißt Indien. Ich bin mit dem Flugzeug hier gelandet und habe einige Wochen lang aufs Meer gestarrt. Nichts weiter. Jetzt bewege ich mich, sitze im Zug, eigentlich bewegt sich nur der Zug, vielleicht hilft die Beweg­ung, dir endlich ein paar Zeilen zu schreiben. Du wirst verletzt sein, davon gehe ich aus, und es tut mir leid, denn ich möchte niemanden verletzen. Ich möchte etwas sagen was sich richtig anhört, und da ich nichts weiß, kann ich gar nichts sagen. So schicke ich dir also nichtssagende Worte, nur dies: ich habe mich nicht ins Meer gestürzt und bin nicht verschollen. Ich nehme an, dass dieses freundliche Land mich irgendwann wieder ausspucken wird, weil ich nicht hierher gehöre, und vielleicht spuckt es mich dann zurück nach Wien. Aber das weiß ich nicht. Sei umarmt
Tadde

Am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, hielt der Zug in einer Stadt und Taddäus stieg aus. Während der Fahrt hatte er deutlich das irritierende Bild einer sauberen Hütte mitten im Dreck des Mumbaier Slums vor sich gesehen. Das mono­tone Rauschen in seinen Ohren hatte aufgehört. Er war in der Dunkelheit des Abteils überzeugt, dass seine Augen schärfer sahen als je zuvor. Er unterschied feinste Grauschattierungen im Schwarz der unbeleuchteten Landschaft vor seinem Fen­ster. Und nachdem er die halbe Nacht seinen wieder gewon­nenen Blick erprobt hatte, wollte er zurück nach Mumbai. Er wollte noch einmal genau hinsehen. Vielleicht würde ihm dort etwas Besseres einfallen, was er Mariana schreiben könnte. Er fuhr mit dem Taxi zum nächsten Flughafen und buchte einen Flug nach Mumbai.

Gauri nahm den Kleinen auf den Arm und machte sich auf den Weg zum Wasser. Der Plastikeimer leckte aus einem Sprung, den ihr Mann versucht hatte zu reparieren, aber das Klebe­band hielt nicht. So musste sie zweimal laufen, um genügend Wasser zum Kochen zu haben, und wenn dabei der Kleine im Tuch auf ihrem Rücken saß, musste sie dreimal gehen, weil sie sich dann langsamer bewegte. Sie wollte das Kind nicht mehr zurücklassen, seit ein Fremder ganz nah beim Eingang herum­gelungert war. Zu viele Geschichten von verschwundenen Kindern kursierten unter den Armen dieser Stadt. Manche behaupteten, die Kinder hätten Glück, sie würden von reichen Adoptiveltern in Amerika oder Europa großgezogen und könnten dort zur Schule gehen. Aber Gauri hatte auch schon gehört, dass man ihnen Organe entnahm und sie dann aus­setzte. Die Organe wären für kranke Kinder im Westen bestimmt. Sie ließ ihren Sohn nicht allein, selbst wenn sie nur zu Asha ging, um sich Salz zu borgen. Asha wohnte ein wenig näher an der Mauer, an der sich das Fenster einer Hotelküche befand. Der Koch war ein freundlicher Mann, er ließ immer wieder Lebensmittel und Gewürze in Ashas Hand gleiten. Gauri und Asha waren befreundet, sie stammten aus dem­sel­ben Dorf und sie waren beinahe gleichzeitig nach Mumbai gekommen. Gauri folgte ihrem Mann eine Weile nach ihrer Hochzeit, als sie bemerkte, dass sie schwanger war, obwohl er noch keine Arbeit gefunden hatte. Sie wollte bei ihm sein. Asha war etwas später gekommen, ohne einen Ehemann, weil sie eine Stelle an der Rezeption eines kleinen Hotels bekom­men hatte. Ihr Gehalt reichte nicht aus, um genügend nach Hause zu schicken und sich ein Zimmer zu mieten. Sie waren beide in die Bretterbuden gezogen.

 

 

 

Es gab Menschen, die noch weniger zum Leben hatten, die auf der Straße schliefen, irgendwo in einem Hauseingang. Die Bretterbuden waren nicht viel mehr, aber immerhin hatten sie ein Dach und Wände, innen mit Plastikplanen be­spannt. Das hielt den Staub fern, ließ aber die Hitze auch abends in dem kleinen Raum stehen. Gauri hatte das Kind in diesem Raum geboren, und ihr Mann fand noch immer keine regelmäßige Arbeit. Hin und wieder konnte er für ein Hotel Botengänge machen und dergleichen, aber das brachte nicht viel Geld.
         Gauri blieb abrupt stehen, weil jemand vor ihrer Hütte stand. Er betrachtete den Eingang nachdenklich. Sie wartete. Unter dem Wassereimer bildete sich eine Pfütze im trockenen Staub. Der fremde Mann grüßte und machte eine entschuldi­gende Geste, die Gauri nicht verstand. Er sah ein wenig ver­wahrlost aus, und als er nach dem Eimer griff, wich sie zurück. Er schüttelte heftig den Kopf und zeigte auf den Sprung im Eimer. Er war zur Hälfte leer. Gauri beeilte sich, die Feuer­stelle befand sich hinter der Hütte, sie goss das restliche Wasser in den Kessel und als sie wieder zurückkam war der Mann verschwunden. Sie hatte keine Angst vor ihm, er war ein Weißer und er sah unglücklich aus, aber Gauri hatte seine Augen gesehen, und die waren gut. Als sie nach einigen Minu­ten zum zweiten Mal von der Wasserstelle kam, stand ein neuer Eimer vor ihrer Türe.

Ich weiß nicht, was mich wirklich dazu getrieben hat, noch einmal in diesen Slum zu gehen. Es war verrückt, die ganzen Wochen, in denen ich irgendwie in mich versunken war und kaum etwas von der Außenwelt registrierte, leuchtete dieses Bild in meinem Hirn wie eine Sirene. Da war ich einen kurzen Moment an einem Bretterverschlag vorbeigefahren und sah nichts weiter als ein Mädchen, das dort in der Hitze und in dem Dreck ihren blöden Verschlag putzte. Dieses Putzen fand ich so absurd inmitten des ganzen Elends, das sie umgab. Und nicht nur das Putzen war es, was mich dabei so irritierte, denn das hätte auch zu einer Verrückten gepasst, die sich nach ihrem Abstieg in die Slums noch einbildete, in einem Palast zu wohnen und dort Goldklinken zu putzen – aber das war sie nicht. Sie war fröhlich und strahlte, als wäre die Welt vollkom­men. Mein Eindruck war richtig gewesen, sie trug ein Baby in einem Tuch, als ich sie wiederfand. Ich glaube, ich habe in der Zeit fast alle Slums von Mumbai gesehen, ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich das Mädchen finden sollte. Es hätte auch gut sein können, dass sie gar nicht mehr hier war, ge­storben, oder zurück aufs Land zu den Eltern oder was weiß ich. Die Leute schlafen unter Brücken und auf Gehsteigen, von den Müllhalden will ich gar nichts erzählen. Die Bretter­buden waren immerhin noch eine Art geschützter Zone, die nicht dem Verkehr und den Raubvögeln gehörte. Ich erkannte sie wieder, weil sie direkt an einer vierspurigen Straße lagen und sich manchmal lkws durch den staubigen Weg zwäng­ten, um den Stau abzukürzen. An diesem Weg fand ich sie wieder. Die Hütte war einfach zu finden, meine Erin­nerung hatte mich nicht getäuscht. Ich glaube, dieses verrückte Mädchen hat sogar die Holzbalken geschrubbt, jedenfalls leuchteten sie sauber in der Sonne. Die Bretter der anderen Hütten waren schwarz und stumpf. Sie stand mit ihrem tropfendem Eimer vor mir und erschrak, weil ich ihr helfen wollte. Ich glaube, das war der Moment, in dem ich aufhörte, zu den Toten zu gehören. Es hat nichts mit ihr zu tun, ich will nicht sagen, sie hätte mich irgendwie verwandelt. Gar nicht. Es war mir auch nicht bewusst, dort in diesem Ghetto. Ich habe erst viele Jahre später bemerkt, dass sich in diesem Mo­ment etwas umgekehrt hatte in mir. So etwas zeigt sich ja nicht an irgendwelchen Symptomen, die plötzlich verschwin­den oder so. Wenn ein Fieberschub vorbei ist, weiß man, jetzt geht es wieder in die andere Richtung, ich kann wieder gehen und sprechen und solche Dinge. Aber dort, als ich vor Gauri stand, wusste ich gar nichts. Nur dass sie einen neuen Eimer brauchte.